SCO-Gipfel in Tianjin: Die antiwestliche Symbolik zählt
Source: DIE ZEIT | Original Published At: 2025-08-30 18:46:54 UTC
Key Points
- Die SCO vereint 40% der Weltbevölkerung und 25% des globalen BIP mit China, Russland, Indien, Pakistan, Belarus und Zentralasien.
- Der Gipfel in Tianjin unterstreicht die antiwestliche Ausrichtung und geopolitische Verschiebungen zugunsten der BRICS-Länder.
- Indien nähert sich China an, trotz historischer Konflikte, als Reaktion auf US-Sanktionen gegen russisches Ölgeschäft.
- Indien und China finanzieren Putins Ukraine-Krieg durch massiven russischen Ölimport.
- Modi vertagt US-Waffenkäufe und stärkt stattdessen Beziehungen zu Russland.
Eine Institution mit vier Atomstaaten, eine, die rund 40 Prozent der Weltbevölkerung verbindet und ein Viertel des weltweiten BIP erwirtschaftet: Rein äußerlich ist die Shanghai Cooperation Organisation (SCO) eine mächtige Angelegenheit. Die SCO ist ein von China initiiertes, eurasisch-südasiatisches Sicherheitsforum, Russland gehört ihm an, dazu vier Länder Zentralasiens, der Iran sowie die Nuklearmächte Indien und Pakistan. Seit letztem Jahr ist auch der Russland-Verbündete Belarus als erster rein europäischer Staat dabei – was der antidemokratischen Schlagseite dieses Forums weiteren Auftrieb gibt.
Zwar kennt kaum jemand ihren Namen, doch wird die SCO bereits als Gegenpol zur westlich dominierten Geopolitik gehandelt. Sonntag und Montag treffen sich ihre zehn Länder zum Gipfel im chinesischen Tianjin, dabei sind auch zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus SCO-interessierten Beobachterländern. War die SCO zur Zeit ihrer Gründung 2001 noch auf Sicherheit und Terrorbekämpfung fixiert, nimmt sie inzwischen auch Aufgaben in der wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit wahr.
Für Chinas Führung ist der Gipfel eine wichtige Sache. Es soll das größte SCO-Treffen seit der Gründung der Organisation werden. Und er ist auch ein Zeichen der Verschiebungen in der globalen Ordnung – erkennbar an der diplomatischen Aufwertung von Staatsgast Wladimir Putin, der nach dem Alaska-Treffen mit Trump in Tianjin abermals eine große Bühne erhält. Und an Indiens Annäherung an Gastgeber China – Premier Narendra Modi wird in Tianjin nach sieben Jahren das erste Mal wieder in China sein. Ein Zeichen für Verständigung, denn die beiden bevölkerungsreichsten Nationen sind Rivalen im Kampf um Einfluss in Südasien.
Modi hatte in den vergangenen zwei Jahren eher wenig Interesse an der China-dominierten SCO-Runde gezeigt. Den Gipfel 2024 im kasachischen Astana ließ er aus. Im Juni beim Treffen der SCO-Verteidigungsminister verweigerte Indien die Unterschrift für eine gemeinsame Erklärung, weil der Terroranschlag auf hinduistische Touristen im indischen Kaschmir am 22. April nicht erwähnt wurde, der zu schweren Kämpfen zwischen Indien und Pakistan führte. 2020 trugen Indien und China im Himalaja einen schweren Grenzkonflikt aus, mindestens 20 indische Soldaten starben.
Doch vergangenen Oktober deutete sich eine Annäherung an, als sich Chinas Staatschef Xi Jinping und Modi zum ersten Mal seit fünf Jahren bei einem Gipfel der Brics-Staaten in Russland trafen. Für den Grenzstreit wurde seither ein vorläufig tragfähiger Umgangsmodus gefunden.
Seitdem hat sich der Trend verfestigt. Im August einigten sich China und Indien, die 2020 gekappten Direktflüge zwischen beiden Staaten wieder aufzunehmen. Vorangetrieben wird diese Annäherung auch von Modis Ärger über US-Präsident Donald Trump. Dieser hat Anfang August einen Einfuhrzoll von 50 Prozent auf indische Waren verhängt (Ausnahmen sind Pharmaprodukte und Computerchips). Die Hälfte dieses Zolls, 25 Prozent, gilt als Strafe dafür, dass Indien russisches Öl kauft. Seit Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine führt, kaufen sowohl Indien als auch China große Mengen russisches Öl und tragen damit wesentlich zur Finanzierung des Krieges in Europa bei.
Indien pocht auf sein souveränes Recht, mit den Ländern Handel zu treiben, mit denen es sich am meisten lohnt. Und das Ölgeschäft mit Russland ist lukrativ. Indien bekommt Öl aus Russland günstiger als etwa aus Saudi-Arabien. Gleichzeitig können indische Raffinerien mehr Ölprodukte exportieren und Gewinne einstreichen. Trumps Zölle hatten deshalb noch keinen spürbaren Effekt auf die Handelsbeziehungen zwischen Russland und Indien. Im August importierten indische Raffinerien bisher im Schnitt 1,5 Millionen Barrel Öl pro Tag aus Russland, nur knapp 100.000 Barrel weniger als vor Trumps Zolldruck. Im September, so berichtete es Reuters, könnten die Importe sogar wieder steigen.
Modi dürfte zudem verärgert sein, dass Trump China für dessen Ölimporte aus Russland keine Strafmaßnahmen auferlegt hat. Als Reaktion hat Modi Anfang August geplante Waffenkäufe in den USA vertagt und den Besuch seines Verteidigungsministers in Washington abgesagt. Kurz danach reiste Indiens Außenminister für einen zweitägigen Besuch nach Moskau. Beide Länder vereinbarten dort, den bilateralen Handel aus- und etwaige Hindernisse abzubauen.