Indiens Trump-Traum ist geplatzt
Source: FAZ | Original Published At: 2025-08-14 04:53:38 UTC
Key Points
- US-amerikanische Zollpolitik unter Trump hat das Vertrauen Indiens in die strategische Partnerschaft zerstört
- Indien wehrt sich gegen US-Einmischung und positioniert sich neu in der multipolaren Weltordnung
- Die EU sieht Chancen, als verlässlicher Partner für Indien zu agieren
- Indien verstärkt Kooperationen mit BRICS-Ländern und potenziellen Energiepartnern wie Iran und Venezuela
Nachdem die US-Regierung Indien mit einem Zollsatz von 25 Prozent belegt hatte, setzte US-Präsident Donald Trump eine Woche später noch einmal nach. Grund für weitere 25 Prozent Zoll waren laut Trump die indischen Ölimporte aus Russland. Im Rekordtempo hat Trump es dabei geschafft, Indiens Vertrauen aus 20 Jahren strategischer Partnerschaft nahezu vollständig zu verspielen.
Dabei war sich Neu Delhi zu Trumps Regierungsantritt im Januar noch einig, dass der neue Präsident im Weißen Haus gut für die amerikanisch-indischen Beziehungen sei. Für den Optimismus hatte Neu Delhi gute Gründe. So wurde Indien während Trumps erster Präsidentschaft immer stärker zentraler Partner für die Einhegung des chinesischen Einflusses im Indopazifik. Dass Trump und der indische Ministerpräsident Narendra Modi zudem persönlich auf einer Wellenlänge liegen, unterstrichen sie eindrucksvoll mit der „Howdy, Modi“-Rallye, bei der sie sich in Houstons NRG-Stadion von 50.000 Fans bejubeln ließen. Modis Umgang mit Trump galt als Paradebeispiel dafür, wie man dem Ego des amerikanischen Präsidenten schmeichelt. Vor diesem Hintergrund kommt der gegenseitige Vertrauensverlust durch die jüngsten Entwicklungen umso überraschender.
Schon vor der Eskalation des Zollstreits belastete vor allem Trumps Pakistanpolitik die Beziehungen immer stärker. So hatte der US-Präsident nach dem Waffenstillstand zwischen Indien und Pakistan am 10. Mai über seine Plattform Truth Social verkündet, dass die Beilegung des Konflikts allein sein Verdienst sei. Die Nichteinmischung externer Mächte in den Konflikt mit Pakistan ist für Indien jedoch ein wichtiger außenpolitischer Grundsatz, sodass Trumps Ankündigung auf großes Missfallen stieß. Pakistan sah in Trumps Geltungsbedürfnis hingegen eine große Chance für die Verbesserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Nur eine Woche nach dem Waffenstillstand schlug der pakistanische Armeechef Asim Munir bei einem gemeinsamen Mittagessen Trump für den Friedensnobelpreis vor – der Beginn einer Charme-Offensive. In dem Ende Juli beschlossenen Handelsdeal versprach Pakistan die gemeinsame Erschließung der eigenen Erdölvorräte. Trumps Ankündigung, Pakistan könne sein Erdöl „vielleicht eines Tages auch nach Indien liefern“, goss zusätzliches Öl ins Feuer.
In Washington ist der drastische Politikwechsel gegenüber Indien vor allem vor dem Hintergrund zu verstehen, dass es in dieser US-Administration vollständig an Südasien-Expertise mangelt. Während das Außenministerium seit Trumps Machtübernahme bisher nur über einen geschäftsführenden Unterabteilungsleiter für Südasien verfügt, bleibt der wichtige Botschafterposten in Neu Delhi weiterhin unbesetzt.
Damals noch Freunde: Der amerikanische Präsident Donald Trump und der indische Ministerpräsident Narendra Modi im Februar 2020 in Neu Delhi AFP
Dass Trump die indische Wirtschaft nun als „tot“ bezeichnet und einen sofortigen Importstopp von russischem Öl fordert, kann nur als grober strategischer Fehler verstanden werden. Denn Indien befand sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf einer kontinuierlichen politischen wie wirtschaftlichen Annäherung an die Vereinigten Staaten. Diese war deshalb bemerkenswert, weil Indiens Bild von den USA bis in die frühen Zweitausenderjahre von großem Misstrauen geprägt war. Zuletzt wurde diese Skepsis in Neu Delhi immer leiser. So kaufte Indien verstärkt Öl und Waffensysteme aus den USA. Zudem betrachtete man die Vereinigten Staaten als den wohl wichtigsten sicherheitspolitischen Partner für die Zukunft, um gemeinsam einem immer stärker werdenden China zu begegnen. Sogar der Kauf amerikanischer F35-Jets, die künftig für mehr rüstungspolitische Unabhängigkeit von Russland sorgen würden, erschien in Indien zuletzt immer realistischer.
Trumps neueste Äußerungen bestätigen all jene, die immer wieder davor gewarnt haben, dass den Vereinigten Staaten nicht zu trauen ist. Einerseits fühlen sich bei den Drohungen von kumulativen 50 Prozent Strafzöllen viele an das Sanktionsregime des Kalten Kriegs erinnert, das Indiens Handel mit westlichen Staaten für lange Zeit einschränkte. Andererseits sieht Indien in Trumps einseitigem Verhalten die Wiederkehr eines imperialistischen Amerikas, das anderen Staaten kein Recht auf souveräne politische Entscheidungen gewährt. Trumps forsches Vorgehen trifft dabei auch einen Triggerpunkt des indischen Diskurses: Wegen seiner kolonialen Geschichte verwehrt sich Indien jeglicher Einmischungsversuche in die Innenpolitik. Für politische Eliten in Neu Delhi stellen die vergangenen Tage deshalb eine Offenbarung dar. Sie sehen die USA als eine Großmacht, die Indien maximal als Juniorpartner, vielleicht aber auch nur als Vasallen behandelt. Damit stehen die Ambitionen der USA in diametralem Widerspruch zu Indiens außenpolitischem Ziel, selbst ein gewichtiger Akteur in einer multipolaren Weltordnung zu werden.
Trump hat mit seinen Äußerungen Indien gegen sich vereint. Innenpolitisch wird es Indien deshalb schwerfallen, in der Problemanalyse Selbstkritik zu üben. War die Vervielfachung des Handelsvolumens mit Russland innerhalb weniger Jahre strategisch klug? Hat der Nationalismus die eigene Überheblichkeit gefördert? Und hat diese Überheblichkeit am Ende zum Scheitern der Zollverhandlungen mit beigetragen? Fragen wie diese wären notwendig, spielen derzeit angesichts der Wut gegenüber Trump keine Rolle im politischen Diskurs. Zwar gibt es aktuell Anzeichen dafür, dass indische Unternehmen die Ölimporte aus Russland reduzieren könnten. Doch auch ein kurzfristiges handelspolitisches Einlenken Neu Delhis kann nicht den politischen Schaden verdecken, den die Partnerschaft zu den Vereinigten Staaten genommen hat.
In Indiens neuer außenpolitischer Realität gibt es mit China und den Vereinigten Staaten nun wieder zwei Großmächte, denen gegenüber es kein partnerschaftliches Vertrauen gibt. Dass es sich dabei um die zwei größten Handelspartner handelt, unterstreicht die prekäre Lage Neu Delhis. In den folgenden Wochen wird die Modi-Regierung plakativer mit Amerikas Konkurrenten zusammenarbeiten, um zu zeigen, dass man sich nicht erpressen lässt. So kündigte Modi zuletzt seinen ersten Besuch in China seit 2018 an. Gemeinsam mit Brasilien wird Indien zudem wieder mehr über die BRICS+-Gruppe sprechen, die Trump öffentlich verachtet. Denkbar ist auch, dass Indien mit Iran oder Venezuela Gespräche aufnimmt, um über eine Wiederaufnahme der vor Jahren gestoppten Ölimporte zu sprechen. Schon heute setzt sich die indische Regierung offen für ein baldiges persönliches Gespräch von Modi mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein.
Für die europäische Politik ist das eine Chance. Die Europäische Union gilt in Indien zwar als schwieriger, aber verlässlicher Partner. Dass Ursula von der Leyen vergangenes Jahr von der gesamten EU-Kommission zu ihrem Besuch nach Indien begleitet wurde, hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Amerikas Politik dient in Brüssel und Neu Delhi jetzt als Erinnerung daran, dass das geplante bilaterale Handelsabkommen höchste Priorität haben muss.
Die EU teilt mit Indien das Bedürfnis nach größerer strategischer Autonomie, um unabhängiger von Trumps USA zu werden. Und von einem Politikstil seitens Washington, der jedes Vertrauen als Schwäche ausnutzt. Europa sollte Trumps Forderungen nach einem Importstopp russischen Öls deshalb nicht als gelegenen Politikwechsel wahrnehmen. Vielmehr zeigt die aktuelle amerikanische Indienpolitik, dass kein Staat vor Trumps Launen sicher ist. Es steht zu erwarten, dass sich immer mehr von Trump gedemütigte Staaten zusammenschließen, um Widerstand gegen die Zollmaßnahmen zu leisten. Europa darf dabei nicht zulassen, dass China und Russland zu den Wortführern einer neuen antiamerikanischen Bewegung werden. Europa muss sich weiterhin für eine regelbasierte Ordnung starkmachen, in der nicht das Recht des Stärkeren gilt.