Russlands triumphale Rückkehr nach Alaska
Source: Neue Zürcher Zeitung | Original Published At: 2025-08-11 03:30:00 UTC
Key Points
- Historische Rückkehr Putins in die USA nach 2015 für Gipfelgespräche
- Symbolische Bedeutung Alaskas als ehemaliges russisches Territorium
- Diskussion über koloniale Vergangenheit und aktuelle geopolitische Implikationen
- Internationale Rechtsprobleme durch ICC-Haftbefehl gegen Putin
- Mögliche Wiederaufnahme der Arktiskooperation zwischen Russland und Westen
Russlands triumphale Rückkehr nach Alaska: die düstere Symbolik hinter dem Gipfel von Trump und Putin Amerika kaufte den Russen Alaska einst für 7 Millionen Dollar ab, über die Köpfe der einheimischen Bevölkerung hinweg. Jetzt wollen die beiden Seiten hier ihren «Deal» für die Zukunft der Ukraine abschliessen.
Links ist der russische Ferne Osten, rechts Alaska: Nirgendwo kommen sich Russland und die Vereinigten Staaten so nahe wie bei der Beringstrasse. Gallo / Getty
Lage, Lage, Lage – und eine Prise Symbolik: Donald Trump weiss, worauf es bei einem Immobiliengeschäft ankommt. Auf den ersten Blick überrascht da sein Entscheid, den russischen Diktator Wladimir Putin nach Alaska einzuladen, wenn Trump doch die Zukunft der Ukraine auf der anderen Seite der Nordhalbkugel verhandeln will.
Wo genau der Gipfel am 15. August stattfinden wird, ist noch nicht bekannt. Alaska ist sehr dünn besiedelt, und ausserhalb der Hauptstadt Anchorage ist nur wenig Infrastruktur vorhanden, damit grosse Delegationen untergebracht werden können und für einen repräsentativen Empfang gesorgt werden kann. Allerdings gibt es gewichtige praktische und symbolische Gründe, die für ein Treffen in Amerikas nordwestlichem Zipfel gesprochen haben.
Putin ist in Amerika willkommen
Zunächst einmal ist bemerkenswert, dass Putin überhaupt in die USA reisen wird. Der russische Staatschef hat 2015 letztmals amerikanischen Boden betreten, als er die Uno-Generalversammlung in New York besuchte und den amerikanischen Präsidenten Barack Obama traf. Die russische Eroberung der Krim 2014 und die Einmischung Moskaus im syrischen Bürgerkrieg hatten da bereits zu einem zunehmend frostigen Klima geführt.
Die sechs Treffen zwischen Putin und Donald Trump, die während der ersten Amtszeit des Republikaners stattfanden, kamen allesamt in Drittstaaten zustande, die meisten davon während multilateraler Gipfel. Joe Biden hat sein russisches Gegenüber als Präsident nur einmal getroffen, und zwar am 16. Juni 2021 in Genf. Auf eine gemeinsame Pressekonferenz verzichteten die Amerikaner damals, um Putin keine Bühne zu bieten.
Als im Februar 2022 die russischen Panzer über die ukrainische Grenze rollten, wurde Putin im Westen endgültig zur Persona non grata. Seither hat er fast nur noch ehemalige Sowjetrepubliken sowie die Verbündeten China, Nordkorea und Iran bereist; die einzige Ausnahme bildeten kurze Arbeitsbesuche in Saudiarabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ende 2023.
Auf russischer Seite spielte man die historische Bedeutung des Treffpunkts zunächst herunter. Es sei naheliegend, dass die russische Delegation einfach über die Beringstrasse fliege und ein so wichtiger und lange erwarteter Gipfel der beiden Staatsführer in Alaska abgehalten werde, liess Putins aussenpolitischer Berater, Juri Uschakow, dem Nachrichtenkanal des Kremls ausrichten.
Ein Haftbefehl, der vieles kompliziert macht
Solchen Beteuerungen zum Trotz handelt es sich nicht um einen praktischen Entscheid, sich irgendwo in der Mitte zwischen Washington und Moskau zu treffen. Relevant ist etwa, wo überall die Verhandlungen nicht stattfinden. Dass Genf unberücksichtigt blieb, war absehbar – Russland sieht die Schweiz nicht mehr als neutralen Akteur, seit sie die EU-Sanktionen gegen Moskau übernommen hat.
Die Schweiz war, wie zahlreiche andere neutrale Staaten, aber ohnehin keine Option, weil der Internationale Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag 2023 einen Haftbefehl gegen Putin ausgestellt hat – wegen seiner mutmasslichen Rolle bei der massenhaften Entführung ukrainischer Kinder nach Russland. Die 125 Staaten, die das Römische Statut des ICC unterschrieben haben und den Strafgerichtshof mittragen, müssten Putin somit verhaften, wenn er ihren Boden betritt.
Das sorgte etwa 2023 am Gipfel der Brics-Staaten in Südafrika für Kopfzerbrechen: Putin sollte daran teilnehmen, und Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa kündigte an, dass man dem Haftbefehl keine Folge leisten wolle, obwohl Südafrika den ICC anerkenne. Letztlich liess sich Putin für den Gipfel entschuldigen und ersparte dem Gastgeber den diplomatischen Eiertanz.
Die USA haben den ICC derweil nie anerkannt und werden dessen Haftbefehlen entsprechend auch keine Folge leisten. Dasselbe gilt aber auch für die Golfstaaten, die sich in jüngster Vergangenheit in der internationalen Diplomatie vermehrt als Zeremonienmeister hervortun wollten. In Saudiarabiens Hauptstadt Riad fanden im Frühjahr bereits Gespräche zwischen Russland und den USA zum Krieg in der Ukraine statt.
Historische Bedeutung
Alaska hat für die USA und für Russland aber noch eine weitergehende symbolische Bedeutung, die sich aus der Geschichte des arktischen Gliedstaats ergibt. 1867 kauften die USA den Russen das unwirtliche, riesige Gebiet für 7,2 Millionen Dollar ab. Rückblickend betrachtet war das einer der besten «Deals», die die Amerikaner je abgeschlossen haben, weil später bedeutende Ölvorkommen und weitere Bodenschätze in Alaska entdeckt wurden. Russische Nationalisten rufen daher, vor allem wenn die Spannungen mit den USA zunehmen, gerne dazu auf, Alaska zurückzuholen.
Der pazifische Nordwesten ist für Russland symbolträchtig. Alaska ist der Endpunkt seiner eigenen Kolonialgeschichte, die es – anders als die Amerikaner – stets ostwärts führte, vom Ural durch Sibirien bis hin zum Pazifik. Zar Peter der Grosse entsandte 1725 den Entdecker Vitus Bering nach Alaska, weswegen die Meerenge zwischen Nordamerika und dem russischen Fernen Osten noch heute seinen Namen trägt.
Die Russen hegten einst grosse kolonialistische Pläne in Amerika, auch wenn zunächst vor allem Pelzhändler den Sprung über den Pazifik wagten. 1799 liess Zar Paul I. die Russisch-Amerikanische Kompagnie gründen. Es handelte sich um eine formell private Pelzhandelsgesellschaft, die aber auf Alaska, den Kurilen und den Aleuten von einem staatlichen Monopol profitierte. Die Russen orientierten sich am Modell der anderen europäischen Kolonialstaaten. Sie entsandten aber auch orthodoxe Missionare nach Alaska, um die einheimische Bevölkerung zu bekehren.
Allerdings gelang es den Zaren nie, grössere Siedlungen auf nordamerikanischem Boden aufzubauen. Russland sorgte sich, dass die Briten, gegen die man 1856 den Krimkrieg verloren hatte, weiter nach Alaska vorstossen könnten. Um solche Pläne zu vereiteln, hatte man schon früh Verkaufsverhandlungen mit den Vereinigten Staaten aufgenommen, die aber wegen des Amerikanischen Bürgerkriegs erst 1867 einen Abschluss fanden. 7,2 Millionen Dollar für ein Stück Land zu erhalten, das man ohnehin nicht kontrollieren konnte, schien da ein akzeptables Verhandlungsergebnis zu sein.
Fernab von Europa
Die Arktis war überdies lange Zeit die einzige Region, in welcher die Kooperation zwischen Russland und dem Westen noch einwandfrei funktionierte – im 1996 gegründeten Arktischen Rat. Alle acht Arktis-Anrainerstaaten hatten ein Interesse daran, ihre Angelegenheiten untereinander und ohne Beizug anderer Mächte oder internationaler Organisationen zu regeln. Die Kooperation bröckelte wegen des zusehends aggressiven russischen Verhaltens aber weg. Man könnte den Treffpunkt insofern auch als Absichtserklärung verstehen, die frühere Kooperation in der Arktis wieder aufzunehmen.
Aus europäischer Sicht weckt die Erinnerung an den Kaufvertrag von 1867 aber vor allem düstere Befürchtungen: dass hier erneut zwei Kolonialmächte über die Köpfe der einheimischen Bevölkerung hinweg Land aufteilen, das ihnen gar nicht gehört. Der Verkauf von Alaska wurde damals ohne Beteiligung der indigenen Einwohner des Gebiets durchgeführt. Die Politiker in Washington und der Zar in St. Petersburg gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass sie über die riesigen Landstriche frei verfügen können.
Die Sorge in der Ukraine, dass Trump und Putin 8000 Kilometer von Kiew entfernt bald einen ähnlichen Kolonialvertrag aushandeln, der vor allem ihre eigenen Interessen berücksichtigt, ist jedenfalls gross.