Weidel gegen Chrupalla: Russlandreise mit Hindernissen
Source: FAZ | Original Published At: 2025-11-13 16:49:00 UTC
Key Points
- AfD-Politiker planen Teilnahme am BRICS-Europa-Symposium in Sotschi
- Interne parteiinterne Konflikte zwischen Alice Weidel (ablehnend) und Tino Chrupalla (unterstützend)
- Geplantes Treffen mit Dmitrij Medwedjew wird zurückgezogen
- Russland nutzt solche Veranstaltungen zur Selbstdarstellung als Multipolar-Macht
- AfD-Politiker verbreiten russische Narrative zum Ukraine-Krieg
- Spannungen zwischen Russland-Annäherung und Beziehungen zur US-amerikanischen MAGA-Bewegung
Am Donnerstagvormittag verschickte die AfD eine außergewöhnlich dürre Stellungnahme der zwei Parteivorsitzenden. Zu welchem Thema sie Stellung nehmen wollten, stand nicht dabei, was ebenfalls ungewöhnlich war. Es kamen nur zwei Sätze: „Wir werden als Bundessprecher der Alternative für Deutschland auch zukünftig gemeinsam Politik für Deutschland und seine Bürger machen. Dafür pflegen wir die guten Beziehungen zu unseren europäischen und internationalen Partnern.“ Das klang einerseits nichtssagend – verriet andererseits aber viel.
Wie die F.A.Z. aus dem Umfeld des Parteivorsitzenden Tino Chrupalla erfuhr, verband sich mit der Mitteilung die Hoffnung, die Debatte über eine Reise von AfD-Politikern nach Russland vorläufig abzuschließen. Aus dem Umfeld der Parteivorsitzenden Alice Weidel wurde der F.A.Z. Überraschung signalisiert. Tatsächlich wirft die Stellungnahme Fragen auf. Wieso betont der erste Satz, dass Weidel und Chrupalla weiter „gemeinsam“ Politik machen würden, so, als stehe das zur Debatte? Und wieso ist, wenn der Anlass der Mitteilung die Reise von AfD-Politikern nach Russland ist, von „guten Beziehungen“ zu „internationalen Partnern“ die Rede?
Das Thema ist geeignet, Streit in der AfD aufflammen zu lassen. So geschah es in den vergangenen Tagen, nachdem öffentlich geworden war, dass mehrere AfD-Politiker eine Reise nach Russland planten. Sie wollen ein „internationales BRICS-Europa-Symposium“ besuchen, das an diesem Freitag und Samstag in Sotschi stattfinden soll, wie schon im November vorigen Jahres eine Vorgängerkonferenz. Auch ein Treffen mit Dmitrij Medwedjew, Wladimir Putins Stellvertreter im Sicherheitsratsvorsitz und zeitweiliger Statthalter im Präsidentenamt, planten die AfD-Politiker ein. Der Vorgang führte zu Ärger im Parteivorstand. Weidel schien grundsätzlich gegen die Reise zu sein. „Ich kann nicht verstehen, was man da eigentlich soll, um es hier ganz deutlich zu sagen“, äußerte sie diese Woche bei einem Pressestatement im Bundestag.
Gegenüber dem rechtsextremen Magazin „Compact“ wurde sie noch deutlicher: „So sehr ich die Hintergründe von einzelnen Abgeordneten nachvollziehen kann, sie werden kein relevantes Gewicht in Friedensverhandlungen haben.“ Die Illusion müsse ihnen genommen werden. Und überhaupt, man müsse auch nicht in einen Skiort reisen – Sotschi liegt am Schwarzen Meer, aber die Berge des Kaukasus bieten Wintersport. „Man kann auch gerne zu Hause bleiben und hier parlamentarische Arbeit machen.“
Ein AfD-Politiker fährt doch nicht
Allerdings hatte der Arbeitskreis Außen der AfD-Fraktion den Reiseantrag offenbar genehmigt. Das Treffen mit Medwedjew soll darin nicht erwähnt worden sein. Wie ein Fraktionssprecher der F.A.Z. mitteilte, sind die Regeln, dass die Reise mit allen Terminen und Gesprächspartnern angemeldet werden müsse. Außerdem sei darauf zu achten, dass die Reisenden die AfD repräsentierten und dementsprechend keine Termine absolvierten, die in Deutschland fehlgedeutet werden könnten.
So versuchte man nun, den Schaden zu begrenzen. Der Medwedjew-Termin soll nach dem Willen Weidels entfallen, und der Initiator der Reise, der Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß, bleibt zu Hause. Das habe er selbst entschieden, heißt es aus der Fraktionsspitze. Nach Angaben des Fraktionssprechers sollten am Donnerstag der Bundestagsabgeordnete Steffen Kotré, der Europaabgeordnete Hans Neuhoff und der sächsische Landtagsabgeordnete und AfD-Landesvorsitzende Jörg Urban nach Sotschi reisen.
Veranstaltungen wie die dortige Konferenz organisiert Russland seit Jahren. Sie sollen den Rückhalt für Wladimir Putins Kurs zeigen; mal geht es um „traditionelle Werte“, mal gegen „Globalisten“. Die Botschaft an das heimische Publikum ist, dass Russland eine Vormacht in einer neu entstehenden „multipolaren Welt“ sei und auch in Ländern geliebt werde, deren Regierungen Sanktionen gegen das Land verhängten.
Entsprechend sagte der Außenpolitiker Konstantin Kossatschow nach dem „Symposium“ vor einem Jahr im Staatsfernsehen, nach Sotschi gekommen seien „Anführer der öffentlichen Meinung“ in Europa, die verstanden hätten, dass der Kontinent ohne Russland ein „abgehängter Waggon“ bleibe. Politiker wie aus der AfD wirkten in der Vergangenheit häufig auch mit, wenn es darum ging, Putins Scheinwahlen zu loben; auch Markus Frohnmaier, der aktuelle außenpolitische Sprecher der Partei, war schon in diesem Sinne aktiv und bereiste auch die russisch besetzte Krim.
Der Kreml will Gleichgesinnte gewinnen
Mit Blick nach außen geht es dem Kreml darum, Gleichgesinnte zu gewinnen: Kräfte wie die AfD verbreiten seine Narrative im Westen. Vergangenes Jahr war der Abgeordnete Rothfuß, der nun zu Hause bleibt, in Sotschi dabei; ebenso der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Ulrich Singer. Sie posierten dort für ein Foto mit Medwedjew.
Rothfuß schwärmte seinerzeit aus Sotschi in die Kamera eines in „Reichsbürger“- und AfD-Kreise vernetzten Medienaktivisten, der laut der Zeitschrift „Spiegel“ auch unter anderen für den Bundestagsabgeordneten selbst arbeitet, von „grandiosen Eindrücken“: Man sei am Flughafen von „hübschen Frauen“ in Tracht mit Brot, Salz und „hervorragendem Beluga-Wodka“ begrüßt worden. Das sei „herrlich“ gewesen, „die Russen sind so dankbar und so froh, wenn die Welt zu ihnen zu Gast kommt“.
Er, Rothfuß, habe keine Vorwürfe zu hören bekommen und keine „Bitterkeit“ bemerkt, wiewohl die Ukrainer den Krieg gegen Russland „als Stellvertreter der NATO auch mit deutschen Waffen kämpfen“. Damit übernahm Rothfuß eines der Putin-Narrative zum Krieg, die auch andere AfD-Politiker regelmäßig verbreiten. Es stellt die Ukraine als Marionette fremder Mächte dar, was eine der Begründungen für Putins Landnahme ist, und stärkt die Umdeutung des Angreifers Russland zum Opfer eines geopolitischen Verteidigungsringens.
Der Paarlauf von Kreml und AfD ist beispielsweise auch zu beobachten, wenn es darum geht, die Partei als Opfer von Verfolgung eines politischen „Mainstream“ darzustellen, wie es unter anderen Putins Sprecher pflegt. Mehrfach sind Politiker der Partei in Moskau von Außenminister Sergej Lawrow empfangen worden. Bei einer solchen Reise sah Chrupalla vor Journalisten in einem Luxushotel am Kreml im Juni 2021 „sehr wohl Parallelen“ zwischen dem Umgang mit Oppositionellen in Russland und dem mit der AfD in Deutschland, die dort die „am stärksten angegriffene Partei“ sei, wollte dies aber auf Nachfrage nicht als Kritik an Russland, sondern an Deutschland verstanden wissen.
Immer wieder wird von russischer Seite hervorgehoben, aktuell etwa in einem Kommentar der Staatsnachrichtenagentur Ria, dass die AfD „eine prodeutsche, keine prorussische Partei“ sei, die „Deutschland einfach unabhängiger machen“ wolle. Diesem Muster folgt der Kreml seit Langem für ihm genehme politische Kräfte in anderen Ländern, bevorzugt dabei stets Parteien, die nationale Alleingänge gegenüber Einbindungen in EU und NATO vorziehen, um das Lager der Gegner zu spalten.
Nähe zu Moskau oder zu MAGA?
Medwedjew steht im russischen Machtsystem unter Dauerrechtfertigungsdruck: Die Annäherung an den Westen während seiner Präsidentschaft 2008 bis 2012 ist längst in Verruf geraten. Für Putins Adlatus sind Auftritte wie die mit AfD-Leuten Gelegenheit, sich zu profilieren. Der „Spiegel“ berichtete nun unter Berufung auf interne Kremldokumente, Medwedjew habe nach dem ersten „Symposium“ in Sotschi gegenüber Putin auf Folgetreffen gedrungen.
„Projektinitiator“ der Konferenz sei aber Oleg Woloschin gewesen, ein kremltreuer Ukrainer, der eng mit Putins Weggefährten Viktor Medwedtschuk verbunden ist. Woloschin wird mit rechtspopulistischen bis -extremen Politikern in der EU verbunden, so mit dem AfD-Mann Maximilian Krah und dem britischen Politiker Nathan Gill, der seinerseits mit Nigel Farage verbunden ist. Gegenüber dem „Spiegel“ bestätigte Woloschin, die Idee zur Konferenz in Sotschi mitentwickelt zu haben, bestritt aber, deren Geldgeber gewesen zu sein. Für das bevorstehende „Symposium“ habe er „Tipps zu Themen und möglichen Teilnehmern gegeben“.
Damit verbunden zu werden, schadet aus Sicht Weidels der AfD. Sie wendete zuletzt viel Energie auf, das Verhältnis zur amerikanischen MAGA-Bewegung zu verbessern; viele in der Partei, vor allem aus den westdeutschen Landesverbänden, sehen diese Allianz als vielversprechend an. Nach Russland könne man gern „Gesprächskanäle“ offenlassen, hört man aus diesem Lager. Also das absolute Minimum. Dabei schwingt auch der Gedanken mit, dass man für die Union und ihre Anhänger anschlussfähig werden will. So soll die Brandmauer zum Einsturz gebracht werden.
Parteichef Chrupalla konterkariert das nach Auffassung dieses Lagers. Er sprach am Donnerstagmorgen im ZDF davon, er und Weidel seien sich einig, dass „wir die Beziehungen nach Russland offenhalten“ wollten. Also deutlich mehr als „Gesprächskanäle“. Anfang der Woche hatte Chrupalla in der Talkshow von Markus Lanz über Putin entschuldigend gesagt: „Mir hat er nichts getan.“ Das hatte auch Parteifreunde empört.