Skandalreise: AfD-Politiker posieren in Sotschi für Kreml-Propaganda
Source: T-Online | Original Published At: 2025-11-15 20:43:17 UTC
Key Points
- AfD-Politiker reisen nach Sotschi und kritisieren deutsche Sanktionen gegen Russland
- Delegation gibt Interviews für russische Staatsmedien wie RBK und Zvezda News
- Kritik an der deutschen Energiepolitik und Forderung nach Rückkehr zu russischen Energieimporten
- Russischer Ex-Präsident Medwedew nutzt den Besuch für anti-deutsche Propaganda
- Verstoß gegen interne AfD-Auflagen (keine Interviews mit russischen Medien)
Reise nach Sotschi
AfD-Politiker in Russland: Ein Wort fehlt in den Vorträgen
15.11.2025 – 21:43 UhrLesedauer: 5 Min.
Die scharfe Kritik vorab ficht sie nicht an: AfD-Politiker halten in Russland Reden und geben Putins Propaganda-Sendern Interviews. Eine ihrer Forderungen: das Ende der Sanktionen gegen Moskau.
Auf der Russlandreise mehrerer AfD-Politiker läuft trotz heftiger Kritik und von der AfD-Spitze verordneten Auflagen alles wie für die AfD gewohnt: Sie halten Reden auf großer Bühne und geben Staatsmedien Interviews. Dmitri Medwedew, ehemals russischer Präsident, jetzt einer von Putins wichtigsten Propagandisten, ist auch dort und nutzt den Besuch der AfD, um gegen Kanzler Friedrich Merz (CDU) zu schießen.
Mit dem Bundestagsabgeordneten Steffen Kotré, dem Europaabgeordneten Hans Neuhoff und dem Landtagsabgeordneten und sächsischen AfD-Landeschef Jörg Urban befinden sich derzeit mindestens drei AfD-Politiker im russischen Sotschi. Es ist die höchstrangig besetzte AfD-Delegation seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine, entsendet auf Kosten des deutschen Steuerzahlers. Dort besuchen sie die Konferenz “Brics Europe”.
Die Konferenz hat trotz ihres Namens mit dem offiziellen Verbund “Brics”, in dem sich nicht-westliche Schwellen- und Industrieländer vernetzen, nichts zu tun. Organisiert wird sie von der russischen Akademie der Wissenschaften und einem prorussischen Verein aus Indien. Dessen Chefin nahm im Herbst 2022 an einer Wahlbeobachtungmission in der ukrainischen Region Donbass teil, die Russland da bereits besetzt hatte und durch Referanden an russisches Staatsgebiet anschließen wollte. Die Wahlbeobachtungsmission hatte an den Wahlen nichts zu beanstanden, andere Beobachter kritisierten die Bedingungen scharf.
Diesen Geist atmet auch die Konferenz in Sotschi: Hier versammeln sich alljährlich enge Freunde Russlands, die wenig Schlechtes an Kriegstreiber Putin sehen, aber viel Kritik am Westen üben. Auch die AfD-Politiker Kotré, Neuhoff und Urban sind für ihre Pro-Putin-Linie bekannt – und vertreten sie jetzt auch selbstbewusst in Sotschi.
AfD-Politiker fordern in Sotschi Ende der Sanktionen für Russland
Jörg Urban, Chef der AfD Sachsen, hält seine Rede am Samstag auf Deutsch, ein Mann auf der Bühne übersetzt ins Russische. Er wolle einen “Einblick in sein kleines Bundesland” geben, sagt Urban zu Anfang. “Der Verzicht auf russische Energie-Rohstoffe hat dazu geführt, dass die Energie so teuer geworden ist, dass viele sächsischen Unternehmen ihre Tore schließen oder ins Ausland ausweichen.” Das Export-Volumen sächsischer Unternehmen nach Russland sei um eine Milliarde Euro pro Jahr eingebrochen. Das sei für ein kleines Bundesland “sehr, sehr viel Geld”.
Er wolle in Sotschi das Signal setzen: In Deutschland gebe es politische Kräfte, die eine Zusammenarbeit mit Russland und allen Ländern der Welt wünschten, sagt Urban. “Diese Kräfte werden stärker.” Er freue sich auf die “ausgestreckte Hand” und “die Zusammenarbeit in ähnlichen Formaten”.
Steffen Kotré geht in eine ganz ähnliche Richtung. Er wolle darüber informieren, “wie Deutschland seinen eigenen Wohlstand zerstört”, sagt der AfD-Bundestagsabgeordnete am Rednerpult auf der Bühne in Sotschi. Er hält seine Rede auf holprigem Englisch, liest vom Blatt ab. Kotré malt ein durchweg negatives Bild von Deutschland: steigende Arbeitslosigkeit, abwandernde Investoren, Klimahysterie, Rekord-Energiepreise, Deindustrialisierung.
Die in seinen Augen desolaten Zustände erklärt Kotré unter anderem mit den Sanktionen gegen Russland und dem Importstopp für russisches Gas seit Beginn des Ukrainekriegs. “Die direkte Ablehnung russischer Energieimporte mindert die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands”, kritisiert Kotré und fordert: “Deutschland muss zu zuverlässigen Energiequellen zurückkehren: Kernkraft, Kohle und russisches Öl und Gas.”
Beide AfD-Redner nehmen nicht ein einziges Mal das Wort “Krieg” in den Mund. Sie verlieren kein Wort über Putins Invasion in die Ukraine Anfang 2022. Sie ist der Grund für die Sanktionen und den Importstopp in Deutschland wie der EU, um Putins Kriegskasse nicht weiter zu füllen.
Russland dringt seit jeher auf ein Ende der Sanktionen. Bereits vor der Konferenz in Sotschi, bei einer Art Vorbereitungstreffen, haben Vertreter der russischen Duma im Gespräch mit EU-Abgeordneten speziell die wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen angesprochen. Der EU-Parlamentarier Neuhoff, ebenfalls in Sotschi, nahm an diesem Treffen teil.
Medwedew: “Sie haben sich in die Hose gemacht”
Stargast auf der Konferenz in Sotschi ist Putins oberster Scharfmacher, Ex-Präsident Russlands und Vorsitzender der Regierungspartei “Einiges Russland”, Dmitri Medwedew. Der Mann, der Deutschland in der Vergangenheit immer wieder mit Atomraketen gedroht hat, eröffnet die Konferenz und thematisiert in einem Pressestatement dann auch die AfD und Kanzler Friedrich Merz.
Die AfD stehe als politische Kraft “unter enormem Druck”, sagt Medwedew in einem Video und der Übersetzung des rechten Mediums “Compact” zufolge. “Im Grunde genommen wurde sie für illegal erklärt und fast schon des Landesverrats bezichtigt.” Dann wirft Medwedew offenbar der deutschen Regierung vor, sie habe der AfD die Reise nach Russland untersagt. Die “regierende Koalition” habe Angst. “Oder um es weniger parlamentarisch auszudrücken: Sie haben sich in die Hose gemacht”, spottet Medwedew.
“Parteigenosse Merz” habe entschieden, dass eine Reise nach Russland seiner Koalition später schaden würde. Warum, wisse er nicht, so Medwedew weiter. “Aber es verbessert die russisch-deutschen Beziehungen eindeutig nicht.”
Interviews im russischen Staats-TV
Was Medwedew genau meint, ist unklar. Merz‘ CDU hat die Reise der AfD-Delegation nach Russland sehr scharf kritisiert, so wie auch andere deutsche Parteien. Ein Verbot aber wurde von der Regierung nie verhängt.
Die AfD-Spitze allerdings, allen voran AfD-Chefin Alice Weidel, drang darauf, dass der Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß nicht wie geplant mit nach Sotschi fahren solle. Der hatte t-online vorab von einer wieder einmal geplanten Diskussionsrunde mit Medwedew berichtet. Die sollte in recht engem Kreis und ohne Handys stattfinden. Die AfD-Chefin soll außerdem Auflagen für die anderen drei Reisenden verlangt haben: kein Medwedew, keine Fotos mit russischen Politikern, keine Interviews mit russischen Medien.
Gegen mindestens eine der Auflagen haben die AfD-Politiker schon verstoßen: Am Samstag waren von Urban sowie Kotré Interviews mit den russischen Staatsmedien RBK, Zvesda News und Ruptly zu finden. RBK und Zvesda übertragen ihr Programm landesweit, sind voll auf Regierungslinie. Zvesda News gehört sogar zum russischen Verteidigungsministerium und wird von ihm auch kontrolliert.
Neuhoff hingegen sprach mit dem mitgereisten deutschen “Compact”. Das berichtet rückhaltlos prorussisch. Seit Putins Geburtstag in diesem Jahr verkauft es an seine Leser sogar einen “Putin-Ehrentaler” mit der Aufschrift “Patriot Putin” – für 75 Euro das Stück. Im Oktober stellte das Magazin die Münze in der russischen Botschaft in Berlin vor, mit dabei: der russische Botschafter. “Lang lebe Wladimir Putin”, sagte Chefredakteur Jürgen Elsässer dort auf der Bühne.
Und Rainer Rothfuß war zumindest virtuell doch anwesend in Sotschi: Dem Portal “Sotschi News 23” sagte er, er habe per Zoom-Schalte an einem “Friedensgebet” teilgenommen – so wie auch vier weitere AfD-Abgeordnete.
AfD-Politiker Kraft: “Bückt euch noch tiefer”
AfD-Chefin Weidel wollte die Aktivitäten ihrer Abgeordneten in Russland auf Anfrage von t-online über ihren Sprecher am Samstagabend zunächst nicht kommentieren. Vorab hatte sie in einem Pressestatement von Konsequenzen bis hin zum Parteiausschluss gesprochen, sollte sich nicht an Abmachungen gehalten werden.
Ob die tatsächlich drohen oder rein strategisch vorab kommuniziert wurden, ist derzeit nicht klar. Das russische RBK fragte Kotré in Sotschi, ob ihm nun der Parteiausschluss bevorstehe. Kotré verneinte das. Die AfD stehe unter Druck, der von den Altparteien erhöht werde, sagte Kotré. “Politik lebt eben auch ein bisschen von Taktik, da den Weg zu finden, das kann durchaus schonmal turbulent sein.”
Andere AfD-Politiker mit konträrer außenpolitischer Ausrichtung kritisieren die Russlandreise mit deutlichen Worten. So kommentierte der AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Kraft unter einen “Compact”-Tweet: “Bückt euch noch tiefer.”