Trump contra Indien: 50%-Zölle drohen
Source: NZZ | Original Published At: 2025-08-06 16:38:02 UTC
Key Points
- Trump droht Indien mit 50%-Zöllen (25% wegen fehlendem Deal, 25% wegen russischer Ölimporte)
- Indien kritisiert die Maßnahmen als unfair und betont Energiesicherheit als Grund für Ölimporte
- Spannungen zwischen Modi und Trump eskalieren, trotz früherer partnerschaftlicher Beziehungen
- Trump plant auch Strafzölle gegen andere BRICS-Länder
- Indien erwägt Annäherung an China aufgrund des US-Drucks
- US-Zölle gefährden indische Exporte und Wirtschaftspolitik
Zollhammer für den strategischen «Partner» Indien – Trump setzt die Beziehungen aufs Spiel, die über zwanzig Jahre aufgebaut wurden Der amerikanische Präsident droht Indien mit einem Zollsatz von 50 Prozent – die Hälfte davon, weil das Land russisches Öl importiert. China könnte nun profitieren.
Studenten in Mumbai malen ein Plakat, mit dem sie gegen Trumps Zollkeule protestieren. Rajanish Kakade / AP
25 Prozent Zoll drohen auf alle Produkte, die Indien in die USA exportiert. Das, weil Delhi nicht rechtzeitig einen Deal von Trumps Gnaden abgeschlossen hat. Noch einmal 25 Prozent kommen dazu, weil Indien der grösste Importeur von russischem Rohöl ist. Das teilte das Weisse Haus am Mittwoch mit.
Indien hat die Ankündigung zusätzlicher amerikanischer Zölle in einer ersten Reaktion als unfair kritisiert. Das Aussenministerium in Neu-Delhi äusserte sich am Mittwochabend missbilligend darüber, dass die US-Regierung das Land wegen seiner Öl-Importe aus Russland zur Zielscheibe gemacht habe. Indien wolle alle nötigen Schritte unternehmen, um seine nationalen Interessen zu schützen. Weiter hiess es, die Einfuhren aus Russland basierten auf Marktfaktoren und erfolgten mit dem «übergeordneten Ziel, die Energiesicherheit für 1,4 Milliarden Inder sicherzustellen». Diese Position habe die Regierung schon vorher deutlich gemacht.
Neben den zusätzlichen Zöllen für Indien könnte es noch dicker kommen: Auch den Mitgliedsländern der Brics – das i steht für Indien – will Trump Strafzölle auferlegen. Der amerikanische Präsident wirft der Gruppierung, der unter anderem auch Russland, China und Iran angehören, vor, eine antiamerikanische Politik zu verfolgen.
Ebenso schlimm in indischen Augen: Trump hofiert den Erzfeind Pakistan; er hat den pakistanischen Armeechef zum Mittagessen getroffen. Und Trump behauptet, Premierminister Narendra Modi zu einem Waffenstillstand mit Pakistan gezwungen zu haben, nachdem der jahrzehntealte schwelende Konflikt zwischen Indien und Pakistan im Mai in mehrtägige offene Kämpfe ausgeartet war. Der Auslöser war ein Anschlag auf Touristen im indischen Teil von Kaschmir im April gewesen. Indien machte Pakistan für den Angriff mit 26 Toten verantwortlich.
Modi sah sich im Parlament gezwungen, der trumpschen Darstellung, dass dieser den Frieden erzwungen habe, entschlossen zu widersprechen. Modi präsentiert sich gerne als starker Mann. Er kann es sich nicht leisten, als Schwächling dazuzustehen, der unter äusserem Druck einknickt.
Die offen zutage tretenden Spannungen zwischen Trump und Modi sind umso überraschender, als sich die beiden während Trumps erster Amtszeit gut zu verstehen schienen. In Indien habe man die Rückkehr Trumps ins Weisse Haus positiv gesehen, sagt Sana Hashmi, Indien-Expertin bei der Taiwan-Asia Exchange Foundation in Taipeh: «Man war erleichtert, nicht mehr mit Belehrungen in Sachen Demokratie rechnen zu müssen, wie unter Biden.» Noch im Februar war Modi in Washington zu Besuch und Trump bezeichnete ihn als guten Freund.
Auf Blockfreiheit folgte Multi-Alignment
Dass Trump auch Freunde vor Tiefschlägen nicht verschont, ist bekannt. Im Fall von Indien ist speziell, dass der Präsident mit seinem erratischen Vorgehen mehr als zwanzigjährige Anstrengungen der amerikanischen Aussenpolitik zunichtezumachen droht. Indien wurde in Washington über die Parteigrenzen hinweg als wichtiger Gegenpol in Asien zu China gesehen. Deshalb haben die USA versucht, Indien einzubinden, zum Beispiel in der Quad, einer losen Gruppierung, zu der auch Japan und Australien gehören.
Traditionell verfolgte Indiens Aussenpolitik den Ansatz, keine Allianzen einzugehen. Im Kalten Krieg war Delhi eine führende Kraft der sogenannten blockfreien Bewegung. Es pflegte gute Beziehungen zur Sowjetunion und später zu Russland. Diese Verbindung wurde gestärkt, als die USA und andere westliche Länder nach Delhis Atomtest 1998 Sanktionen verhängten.
2005 schlossen Washington und Delhi dann ein neues ziviles Atomabkommen ab. Seither näherten sich die beiden zusehends an – statt russischer Waffen kaufte Indien vermehrt westliche, insbesondere amerikanische Systeme. An die Stelle des Non-Alignment, der Blockfreiheit, sei in den letzten Jahren ein Multi-Alignment getreten, sagt Hashmi: «Indien ging enge Verbindungen mit unterschiedlichen Partnern ein. Doch die Partnerschaft mit den USA kam klar an erster Stelle.»
Eine Schwierigkeit für Delhi ist, dass man auf die USA als Partner nicht einfach verzichten kann. Zwar ist die indische Wirtschaft nicht sehr exportorientiert – doch ein Zollsatz von 50 Prozent würde das Land gegenüber asiatischen Konkurrenten stark benachteiligen. Zusätzlich hat Trump amerikanische Unternehmen kritisiert, die ihre Produktionsstätte in Indien ausbauten, um weniger von China abhängig zu sein. Für die Regierung Modi ist ein wichtiger Pfeiler ihrer Wirtschaftspolitik in Gefahr.
Problematischer ist der sicherheitspolitische Aspekt. Indien ist kein Allianzpartner der USA, wie zum Beispiel Japan oder Südkorea es sind. Doch die Beziehungen mit Pakistan bleiben angespannt. Und auch das Verhältnis mit China ist belastet, seit es vor fünf Jahren an der gemeinsamen, nicht demarkierten Grenze im Himalaja zu Auseinandersetzungen gekommen ist.
Nähert sich Indien an China an?
Es gibt Stimmen, die angesichts des amerikanischen Drucks für eine Annäherung an China plädieren, insbesondere aus Wirtschaftskreisen. Erste Schritte der Normalisierung gibt es bereits. So trafen sich Modi und der chinesische Partei- und Regierungschef Xi Jinping vergangenen Oktober am Rande des Brics-Treffens in Russland. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Modi Ende August zum ersten Mal nach sieben Jahren wieder nach China reisen werde. Dann findet das Treffen der Shanghai Cooperation Organisation statt, einem regionalen Sicherheitsforum.
Experten der indischen Denkfabrik Observer Research Foundation sprechen von einer pragmatischen Hinwendung zu China. Hashmi argumentiert, dass Indien schlicht gezwungen sei, mit Peking einigermassen funktionierende Beziehungen zu führen. Diese Argumentation ist in vielen asiatischen Ländern gegenwärtig zu hören.
Allerdings sei der Spielraum für eine Annäherung beschränkt, sagt C. Raja Mohan, Professor am Institute of South Asian Studies in Singapur: «Die fundamentalen Widersprüche zwischen Indien und China sind nicht verschwunden.» Der Grenzkonflikt schwelt seit Jahrzehnten. In Indien ist das Misstrauen gross: Aus indischer Sicht ist Peking für die Kämpfe von 2020 im Galwan-Tal verantwortlich, die chinesische Armee sei einem nach Jahren der Ruhe heimtückisch in den Rücken gefallen. Das damals zerstörte Vertrauen muss langsam wieder aufgebaut werden.
Das gilt auch für den Schaden, den Trump gegenwärtig am indisch-amerikanischen Verhältnis anrichtet. Das Vorgehen und der Umgangston des amerikanischen Präsidenten erinnern viele in Indien an das Verhalten der britischen Kolonialherren, welche die lokale Bevölkerung herablassend behandelten und unterdrückten. In Delhi fühlt man sich allein schon deswegen unfair behandelt, weil neben China auch europäische Länder – etwa Italien, die Türkei, die Niederlande oder Frankreich – russisches Rohöl importieren. Doch nur Indien droht Trump deswegen mit Zöllen.
Westliche Belehrungen und Bevormundung kommen im heutigen, sehr selbstbewusst auftretenden Indien unter Modi schlecht an. Indiens Öffentlichkeit könne nicht akzeptieren, dass sie an den Pranger gestellt und gedemütigt werde, sagt Mohan: «Im postkolonialen Asien ist das schlicht inakzeptabel. Aber Trump kennt das Wort inakzeptabel nicht.»