Trump fährt Weltwirtschaft an die Wand
Source: finanzmarktwelt.de | Original Published At: 2025-07-29 17:17:07 UTC
Key Points
- Trump verkürzt Ultimatum für Sekundärzölle auf 10-12 Tage
- Strafzölle von 100% gegen Länder, die mit Russland Energie handeln
- Gefährdung der globalen Stabilität und Energiemärkte
- Russland als zweitgrößter Erdgasproduzent und wichtiger Ölexporteur
- Betroffene Länder: BRICS-Staaten (Brasilien, China, Indien), EU, Japan, Türkei
- Mögliche Ölpreisexplosion und weltweite Rezessionen
- US-Kongress drängt auf Durchsetzung der Sanktionen
Nach Ablauf des stark verkürzten Ultimatums von ursprünglich 50 auf jetzt 10 bis max. 12 Tage drohen Öl- und Gaspreis-Schocks sowie ein starker Einbruch des Welthandels mit den USA.
Der eskalierende Handelskrieg erreicht eine neue Stufe: Mit Strafzöllen von bis zu 100 Prozent bedroht Präsident Trump die globale Stabilität. Die drastische Maßnahme gegen Länder, die mit Russland Energie-Handel treiben, könnte die ohnehin angespannte Weltwirtschaft bereits in Kürze schwer erschüttern. Mit unkalkulierbaren Folgen für Energiemärkte, Finanzmärkte und geopolitische Allianzen. Welche Ziele verfolgt Trump bzw. wer setzt ihn unter Druck? Wie werden Russland und die betroffenen Dritt-Staaten reagieren? Und wer zahlt den Preis?
Handelskrieg – der weiße Elefant im Raum
Noch scheint kaum jemand eines der wichtigsten Ereignisse für den Verlauf des Welthandels, der Weltwirtschaft, der Energiepreise und das globale Machtgefüge auf dem Schirm zu haben. Aber was US-Präsident Donald J. Trump gestern ankündigte, hat das Potenzial, einen globalen Handels- und Finanz-Crash auszulösen. Ganz abgesehen von einem Öl- und Gaspreis-Schock.
Nahezu alle politischen und ökonomischen Analysten hatten damit gerechnet, dass die von Trump angekündigten „Sekundär-Zölle“ in Höhe von 100 Prozent auf alle Waren und Güter, also Strafzölle gegen alle Staaten, die weiterhin mit Russland Energiegeschäfte tätigen, nicht nach der gesetzten Frist von 50 Tagen in Kraft treten. Die Prognosen reichten von „Es wird mal wieder gar nichts passieren“ über „Das Ultimatum wird verlängert“ bis „Die Frist ist rein symbolischer Natur“.
Das einzige Szenario, dass niemand auf dem Schirm hatte, ist nun eingetreten: basierend auf dem über eine breite Mehrheit im Kongress verfügende Gesetz (Entwurf) „Sanctioning Russia Act of 2025“ hat Trump das Ultimatum Stand gestern radikal auf 10 bis maximal 12 Tage verkürzt – also bis maximal zum 9. August. Das ist kommende Woche!
Dieses mal kein „TACO“!
Was viele Marktteilnehmer (noch) nicht zu begreifen scheinen ist, dass es dieses mal nicht Trump ist, der hier den Handelskrieg forciert, sondern die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Und das sogar in beiden Parteien (Demokraten und Republikaner). Im Senat sind über 80 von 100 Senatoren für die Einführung dieser Straf-Zölle.
Das ist der große Unterschied zu den Präsidialdekreten mit denen Trump bisher regierte. Hier konnte er schalten und walten, wie er wollte. Also auch mal angekündigte reziproke Zölle vom 2. April am 3. April wieder zurücknehmen. Daher der Begriff „TACO“ (Trump Always Chickens Out bzw. Trump rudert immer zurück).
Wenn er dieses mal das Gesetz unterschreibt, kann es nur der Kongress wieder aufheben, nicht er selbst! Eine solche Situation gab es schon einmal zu Beginn der Lehman-Krise, als der Kongress den Banken Milliarden-Hilfen zum Überleben verweigerte. Woraufhin der Dow-Jones in der folgenden Handelswoche um 30 Prozent abstürzte, bevor sich Repräsentantenhaus und Senat besannen.
Jetzt übt die große Mehrheit des Kongresses und sogar seine eigene Partei massiven Druck auf Trump aus, diese extremen Strafzölle tatsächlich einzuführen.
Immerhin hat man sich von der nur als wahnsinnig zu bezeichnenden Zoll-Höhe von 500 Prozent verabschiedet. Das Problem ist, dass 100 Prozent in der Implementierung sehr viel wahrscheinlicher sind als utopisch hohe 500 Prozent Sekundär-Zölle, die den Welthandel mit den USA augenblicklich ins Chaos stürzen würden.
Aber auch so ist mit enormen Verwerfungen zu rechnen. Bisher wird diese Warnung als Krisengeschwätz abgetan. In den US-Medien, wie CNBC oder Bloomberg TV wird die Einführung dieser Drittstaaten- und Russland-Sanktionen als sicher behandelt.
Ölpreis reagiert bereits – Energiegigant Russland
An den Energiemärkten scheint man langsam aufzuwachen und zu verstehen, was da auf uns zukommt. Denn Russland ist der zweitgrößte Erdgasproduzent der Welt. Bei der Erdölproduktion liegt das größte und rohstoffreichste Land der Welt mit etwa 10,8 Millionen Barrel Produktion pro Tag knapp hinter Saudi-Arabien mit 10,9 Millionen Barrel pro Tag.
Kein Wunder also, dass die Notierungen am Ölmarkt, hier anhand der Sorte WTI, seit der gestrigen Ankündigung der drastischen Verkürzung des Ultimatums von Donald Trump bereits um drei Prozent angesprungen sind (Preis seit dem weiter angestiegen).
Aber das könnte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was hier noch an Preisexplosion kommt. Denn das Gesetz sieht vor, dass Russland kein Öl und Gas mehr in die EU oder USA exportieren darf (was nach wie vor der Fall ist). Und was noch wirkmächtiger in Bezug auf die Öl- und Gas-Preise ist: Kein Staat der Erde darf mehr Öl oder Gas aus Russland beziehen (das gilt auch für Uran, wo Russland bis 2022 Weltmarktführer war).
Damit würde schlagartig mehr Öl und Gas vom Markt genommen werden, als Saudi-Arabien oder die mit sinkenden Ölborlöchern konfrontierte USA kurzfristig auch nur ansatzweise kompensieren könnten. Auch die gesamte OPEC könnte den Komplettausfall Russlands als Produzent und Exporteuer nicht kompensieren. Erinnerungen an die beiden Ölkrisen in den 1970ger Jahren werden wach, die beide in tiefen weltweiten Rezessionen mündeten.
Betroffene Staaten
Insgesamt wären 20 zum Teil sehr große Staaten mit hohen Handelsvolumina sowohl mit Russland, als auch mit den USA von der Eskalation im Handelskrieg betroffen. Darunter Brasilien (das bereits seinen Widerstand angekündigt hat und nicht nachgeben will), aber auch China, die Türkei (TurkStream Erdgas-Pipeline), die EU (Frankreich, Italien, Tschechien, Ungarn, Belgien, Slowakei etc.) und Japan.
Auswahl der größten Energie-Handelspartner Russlands (Quelle: ChatGPT)
Besonders hart getroffen wären v. a. die BRICS-Staaten. Brasilien ist gerade dabei, sich wegen der hohen US-Strafzölle (50 Prozent ab Freitag) im Außenhandel komplett Richtung „BRICS+“-Gruppe umzuorientieren. Indien verdient viel Geld mit der Raffinierung russischen Öls. China, das Russland viel Öl und Gas abnimmt, hat verlauten lassen, dass Russland den Krieg in der Ukraine gewinnen muss (aus Eigeninteresse in Sachen Taiwan). Der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, Dmitri Medwedew, hat klargestellt, dass Russland nicht der Iran oder Israel sei und sich nicht durch Ultimaten erpressen lasse.
Japan betreibt mit Russland zusammen die riesigen Energiefelder „Sakhalin-1“ und „Sakhalin-2“. Von hier aus gehen Rohöl aber auch große Mengen an LNG per Schiff nach Japan. Geplant ist zudem eine Pipeline nach Japan zu bauen. Die Japaner müssten hier hohe Milliardenbeträge abschreiben und ihr Öl und Gas, dass sie entsprechend ihrer Beteiligung an den beiden Projekten aktuell gratis bekommen (dafür hat man sich ja an den Explorationskosten der Projekte beteiligt) teuer auf dem Weltmarkt einkaufen.
Es gäbe somit nicht nur weniger Angebot, sondern das Angebot ohne Russlands Beitrag würde von mehr Staaten zusätzlich nachgefragt werden. Der perfekte Sturm für den Öl- und Gasmarkt und die totale Eskalation im Handelskrieg.
Fazit – vier schlechte Szenarien
1. Die Staatengruppe BRICS+ rückt bei Inkraftsetzung der Strafzölle enger zusammen und es bricht ein Handelskrieg ungeahnten Ausmaßes aus.
2. Die Dritt-Staaten befolgen die Anweisungen Washingtons und der Öl- und Gasmarkt implodiert wegen des Total-Embargos gegen Russland.
3. Russland akzeptiert die Bedingungen und beendet sofort den Krieg mit der Ukraine (Waffenstillstand) und beginnt mit Friedensverhandlungen. Hier hat Russland aber bereits klargestellt, dass man keinen Quadratkilometer eroberten Gebietes wieder zurückgeben wird, da der Preis an Personal und Material bereits viel zu hoch ist, um sich von der Krim oder aus der Ost-Ukraine wieder zurückzuziehen. Zudem hat Russland am 28. Juli mit netto über 40 Quadratkilometern Geländegewinn den größten Vormarsch an der östlichen Front in der Ukraine seit Beginn des Krieges im Februar 2022 an nur einem Tag realisiert. Außerdem erkennt Wladimir Putin Wolodymyr Selenskij mangels legislativer Legitimität nicht als Verhandlungspartner an. Bliebe es bei dem jetzigen Frontverlauf (eingefrorener Konflikt) hätte Russland den Krieg quasi gewonnen und die NATO erneut verloren. Damit würden sich die Machtverhältnisse global radikal ändern. Die NATO wäre offensichtlich konventionell nicht unbesiegbar. Ein gefährliches Signal an China (Thema Taiwan-Krise). Wichtig ist hier auch die Aussage von Putin, dass man zu Zeiten des Kalten Krieges schon schlimmere Embargos über sich hat ergehen lassen müssen. Das signalisiert zumindest Stand jetzt kein Einlenken.
4. Trump lässt das Ultimatum verstreichen oder prolongiert es doch wieder, dann wäre er endgültig für Russland und andere Staaten als Verhandlungspartner obsolet, weil komplett unkalkulierbar und unberechenbar. Und die Ukraine würde fallen.