Russland, China, Brics: Wie Putin und Xi den Dollar verdrängen – und Deutschland an Einfluss verliert
Source: Berliner Zeitung | Original Published At: 2026-05-19 07:51:14 UTC
Wenn Wladimir Putin am 19. Mai 2026 zum 25. Mal nach China reist – nur Tage nach Donald Trumps Staatsbesuch in Peking – inszenieren Xi Jinping und sein „alter Freund“ mehr als bilaterale Routine. Sie demonstrieren, dass die geopolitische Statik des frühen 21. Jahrhunderts gekippt ist. Zum 30. Jahrestag der „strategischen Partnerschaft der Koordinierung“ und zum 25. Jahrestag des Freundschaftsvertrags von 2001 lautet die Botschaft an Washington, Brüssel und Berlin: Der Versuch der USA, „einen Keil zwischen Moskau und Peking zu treiben, ist zum Scheitern verurteilt“ – so befindet es der britische Regionalexperte Ian Storey gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Eine Partnerschaft mit harten Zahlen
Die neue Kooperation, die Freundschaftsbekundungen – all das ist längst keine Rhetorik mehr. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2025 laut Chinas Handelsministerium rund 228 Milliarden US-Dollar – das dritte Jahr in Folge oberhalb der 200-Milliarden-Marke.
China ist seit 16 Jahren Russlands größter Handelspartner. Putin selbst betonte in seiner Videobotschaft vor der Abreise, die Abrechnungen erfolgten „fast vollständig in Rubel und Yuan“ – ein zentraler Baustein der BRICS-Strategie zur Entdollarisierung.
Rusisches Öl nach China
Im Energiesektor verdichten sich die Bindungen: China importierte 2024 rund 108 Millionen Tonnen russisches Öl und ist damit Russlands größter Abnehmer. Über die Pipeline „Power of Siberia“ flossen 2024 etwa 31 Milliarden Kubikmeter Gas, für 2025 werden 38 bis 39 Milliarden Kubikmeter erwartet.
Hinzu kamen 8,3 Millionen Tonnen LNG. 2025 vereinbarten beide Seiten zusätzlich 2,5 Millionen Tonnen Öl jährlich über Kasachstan. Verhandelt wird weiter über „Power of Siberia 2“ mit geplanten 50 Milliarden Kubikmetern Jahreskapazität – eine Pipeline, die Putin laut seiner Aussage vom 9. Mai „in greifbare Nähe“ gerückt sieht.
Peking hält den Preis allerdings offen – ein Hinweis auf die strukturelle Asymmetrie: Russland braucht den Deal dringender als China.
Asymmetrie als Systemmerkmal
Genau hier liegt der wunde Punkt der „grenzenlosen Partnerschaft“. Die New York Times beziffert die Schieflage präzise: China liefert über ein Drittel der russischen Importe und kauft mehr als ein Viertel der russischen Exporte – Russland steht jedoch nur für rund vier Prozent des chinesischen Außenhandels, weniger als Vietnam.
Moskau ist Junior-Partner einer Achse, die es selbst als gleichrangig zelebriert. Pekings Zurückhaltung bei „Power of Siberia 2“, die Diversifizierung mit Turkmenistan und das jahrelange Zögern bei der vierten Turkmenistan-Pipeline zeigen: China kalkuliert, Russland kapituliert vor der Geografie der Sanktionen. So die westliche Lesart, oft mit selbstgefälligem Unterton.
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Dennoch, das muss klar konstatiert werden, funktioniert die politische Symbiose. Storey bringt es auf den Punkt: „Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Xi Druck auf Putin ausübt, den Ukraine-Krieg zu beenden. Peking wird Moskau weiter diplomatischen Schutz in der UNO, wirtschaftliche Hilfe und Dual-Use-Technologie für die Streitkräfte liefern“. Eine Niederlage Russlands würde Putin politisch schwächen – und damit ein für Xi nützliches Gegengewicht zu den USA destabilisieren.
BRICS, SCO und die Architektur der Multipolarität
Putin und Xi nutzen ihre Treffen seit 2013 – mehr als 40 Begegnungen – explizit zur Stärkung von BRICS und der Shanghai Cooperation Organization (SCO). Beide Seiten „fördern die Entwicklung der internationalen Ordnung in eine gerechtere und gleichberechtigtere Richtung“ (Xinhua, 19.5.2026).
Die Entdollarisierung ist dabei kein Nebenprodukt, sondern strategisches Programm: Chinesische unabhängige Raffinerien wickeln russisches Öl „weitgehend in Yuan“ ab. Der Yuan wird zur Reservewährung des sanktionierten Russlands – und mittelfristig zur Verrechnungswährung des Globalen Südens.
Flankiert wird dies durch militärische Demonstration: Just am Tag von Putins Anreise lief der chinesische Flugzeugträger „Liaoning“ zu Übungen mit scharfem Schuss in den Westpazifik aus (Xinhua, 19.5.2026). Die Choreografie ist eindeutig.
Vom Akteur zum Subjekt: Europas stille Entkopplung
Hier wird die Frage virulent, die Berlin und Brüssel ungern stellen: Sind die „Abkoppler“ – Europa und Deutschland, die seit 2022 Russland sanktionieren – inzwischen selbst die Abgekoppelten?
Die Zahlen sind ambivalent. Russlands Anteil an den Extra-EU-Importen fiel laut Eurostat von 9,5 Prozent (Februar 2022) auf 1,9 Prozent (Dezember 2023). Der Anteil russischen Gases an EU-Gasimporten sank von 40–45 Prozent (2021) auf 17–19 Prozent (2024, Intereconomics). Die EU plant den vollständigen Ausstieg aus russischer Energie bis 2027. Deutschland hat direkte Gasimporte aus Russland weitgehend beendet, LNG-Terminals errichtet, norwegisches Gas substituiert.
Doch der Preis ist hoch – und China kassiert die Dividende. Während deutsche Industriestrompreise zu den höchsten weltweit zählen, importiert China russisches Öl und Gas mit Preisabschlägen. Pekings Wettbewerbsvorteil bei energieintensiver Produktion – Stahl, Chemie, Aluminium, E-Auto-Batterien – wird durch die russische Rohstoffsubvention zementiert. Deutschland exportiert seine Konjunktur, China importiert sie.
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Politisch ist die Asymmetrie noch deutlicher: In Peking empfängt Xi Trump und Putin binnen einer Woche. Brüssel und Berlin tauchen in der Choreografie nicht auf. Die EU war beim Trump-Xi-Gipfel nicht am Tisch, beim Putin-Xi-Gipfel ist sie es ohnehin nicht.
Russland-China-Verhandlungen über Pipelines, Yuan-Settlements und SCO-Erweiterungen finden ohne europäische Beteiligung statt – und definieren dennoch europäische Realitäten. Die EU hat ihre Hebelwirkung auf Moskaus Energiepolitik verloren, wie der oben zitierte Eurostat-Befund belegt. Russland orientiert sich strategisch nach Asien um. Europa ist – im Energiediskurs mit Russland – schlicht nicht mehr Gesprächspartner.
Drei Befunde zur deutschen Lage
Erstens: Deutschland hat sich weitgehend von russischer Energie entkoppelt – um sich faktisch in eine neue Abhängigkeit zu manövrieren. Beim grünen Umbau (Solarzellen, Batterien, kritische Mineralien) ist China dominant. Die Bundesregierung prüft Handelsbeziehungen mit China inzwischen unter Sicherheitsaspekten, reagiert aber langsamer, als Peking Fakten schafft. Sie schafft es nicht, etwas eigenes aufzubauen.
Zweitens: Die Entdollarisierung via Brics trifft Europa indirekt härter als die USA. Der Euro – nicht der Dollar – verliert in Schwellenländern Marktanteile, weil Rubel-Yuan-Verrechnungen Drittstaaten zur Wahl drängen. Deutschland als Exportnation ist davon strukturell betroffen.
Drittens: Die diplomatische Marginalisierung ist real. Trump verhandelt in Peking über „strategische Stabilität“, Putin sichert sich Gas- und Ölmärkte. Berlin und Brüssel sind weder Vermittler im Ukrainekrieg noch im Iran-Konflikt – Rollen, die China beansprucht und die USA bilateral verteilen.
Geopolitische Perspektiven
Die Achse Moskau-Peking ist keine „Ehe aus Bequemlichkeit“, sondern eine arbeitsteilige Konstruktion: Russland liefert Rohstoffe, militärische Bindungskraft gegenüber den USA und UN-Vetomacht; China liefert Markt, Yuan-Liquidität, Dual-Use-Technologie und diplomatische Bühne. Brics und SCO sind die institutionellen Klammern, die Entdollarisierung das ökonomische Vehikel.
Für Europa und Deutschland heißt das: Die Sanktionsstrategie hat Russland von Europa entkoppelt – aber sie hat Europa nicht zum Gestalter der neuen Ordnung gemacht. Im Gegenteil. Wer in Peking nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte. Der Übergang vom Abkoppler zum Abgekoppelten vollzieht sich nicht durch einen einzigen Bruch, sondern durch eine Summe von Abwesenheiten: bei Trumps Besuch, bei Putins Besuch, bei der Power-of-Siberia-2-Verhandlung, bei der Yuan-Internationalisierung.
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