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SCO-Gipfel in China: “Europa ist nur noch Zaungast der Weltpolitik”

Source: 20 Min | Original Published At: 2025-08-30 17:07:04 UTC

Key Points

  • Der SCO-Gipfel in China bringt führende Politiker aus über 20 Ländern zusammen, darunter Putin, Xi und Modi.
  • Die SCO positioniert sich als Alternative zur EU und westlichen Allianzen mit Fokus auf Sicherheit, Wirtschaft und Kultur.
  • Experte Remo Reginold warnt, dass der Westen die Allianzen im «globalen Süden» unterschätzt und zunehmend an Einfluss verliert.
  • Die Schweiz müsse proaktiver auf geopolitische Veränderungen reagieren, etwa im Weltraumsektor.

Putin, Xi und auch Modi sind am Sonntag am Gipfel der «Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit». Ein Autokraten-Treffen halt, irgendwo in China? Eben nicht, sagt Remo Reginold.

Darum gehts Am Sonntag findet der jährliche Gipfel der «Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit» (SCO) in China statt, mit Russlands Wladimir Putin, Irans Massud Peseschkian und auch Indiens Narendra Modi. Der Westen unterschätze solche Allianzen, die ganz anders koalieren würden, warnt ein Experte für Geo- und Sicherheitspolitik. Die SCO-Länder wollten sich als Alternative zur EU etablieren, sagt Remo Reginold vom «Swiss Institute for Global Affairs». Vor den neuen Herausforderungen verschliesse man die Augen – weil «viele der Entwicklungen gefühlt weit weg stattfinden» und «es uns einfach noch zu gut geht».

China lädt ein zum jährlichen Gipfel der «Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit» (SCO). Gastgeber Xi Jinping erwartet am Sonntag ein so volles Haus wie noch nie zuvor: Aus über 20 Ländern reisen Spitzenpolitiker und -vertreter nach Tianjin, darunter Waldimir Putin, Irans Präsident Massud Peseschkian und selbst Indiens Premier Narendra Modi.

Auch Nordkoreas Kim Jong-un kommt, aber als Nichtmitglied des SCO-Bündnisses erst zur Militärparade in Peking, an die auch Ex-SVP-Bundesrat Ueli Maurer geht. Es geht um die verstärkte Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit, Wirtschaft und Kultur sowie die künftige Ausrichtung der SCO.

Chinas Medien feiern neue Beziehungen

Dass der indische Premier anreist, ist nicht selbstverständlich. Modi war infolge Streits und Spannungen mit Peking das letzte Mal 2018 in China gewesen. Das zeigt: Die Beziehungen unter den SCO-Mitgliedern sind mitunter problematisch, ihre gemeinsame Teilnahme an dem Gipfel gerade dieses Jahr aber zentral. Hier solle dem Westen und «dem fernen US-Präsidenten ein ganz anderer Politikstil» vorgeführt werden – «kein Freund-Feind-Schema, sondern kalte, harte Pragmatik: Mein Feind kann gleichzeitig mein Partner sein» («Süddeutsche»).

Chinas Staatsmedien sprechen bereits von «einer neuen Art internationaler Beziehungen» unter den Ländern des «globalen Südens». Es herrscht Aufbruchstimmung – und auch die Erwartung vor, dass die SCO künftig weiter an Gewicht und Bedeutung gewinnen wird. Das sieht auch Remo Reginold vom «Swiss Institute for Global Affairs» so, einem Thinktank für Geo- und Sicherheitspolitik. Der politische und kulturelle Westen schlafe, während andere gerade die Weltordnung neu absteckten.

Herr Reginold, warum sollte uns der SCO-Gipfel in China interessieren?

Das Ziel des Gipfels ist letztlich die Stärkung des «Shanghai-Spirit» – also eine Alternative zu bieten zu Europa und dem Westen. China, Indien und Russland wollen sich als bevorzugte Partner gegenüber der EU etablieren, mit Investitionen, Infrastrukturprojekten und auch der Vergabe von Stipendien, wie China das etwa in Afrika macht.

Die SCO und der «Shanghai-Spirit» Die «Shanghai Cooperation Organisation» (SCO) ist ein politisch-ökonomisches Bündnis mit ständigem Sekretariat. Dazu gehören die Volksrepublik China, Russland, Belarus, Indien, Iran, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan. Damit leben etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung in SCO-Mitgliedsstaaten. Der Fokus der SCO liegt auf dem eurasischen Wirtschaftsraum, auf Antiterrorismus, wirtschaftlicher und militärischer Zusammenarbeit sowie Wissensaustausch. Als übergeordnete Leitlinie dient der sogenannte Shanghai-Spirit. Dieser garantiert die Wahrung der Souveränität und territorialen Integrität sowie die Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten – wodurch laut Konrad-Adenauer-Stiftung die autoritären Strukturen der SCO-Mitglieder legitimiert werden. Im Gegensatz zur Nato besitzt die SCO keine formale kollektive Verteidigung oder Beistandsverpflichtungen à la Artikel 5.

Sie warnen, der Westen unterschätze die Allianzbildung der Länder im «globalen Süden».

Genau. Wir haben Mühe, diese Form der internationalen Beziehungen zu lesen, verstehen sie deshalb auch nicht und finden deshalb auch keine Antworten darauf. In einer regelbasierten Weltordnung hat man sich an Abmachungen und Verträge gehalten. Das war die Sicht des Westens auf die Welt. Das ist jetzt augenfällig durch. Unsere rationalistischen Denkmuster passen nicht mehr auf die «Vuca»-Welt*. Wir hingegen verwalten und bewahren, denken in Silos und verstecken uns hinter Moral.

* Akronym für «Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity» steht für den Zustand erhöhter Schnelllebigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, geprägt durch globale und technologische Veränderungen und politische Umwälzungen.

«Die Musik wird in Zukunft im Indopazifik spielen, noch weiter in der Ferne könnte ein Zeitalter Afrikas kommen. Wir sind nicht vorbereitet.» Remo Reginold

Mit welchen Folgen?

Es findet eine Verschiebung nach Asien statt. Die Musik wird in Zukunft im Indopazifik spielen, noch weiter in der Ferne könnte ein Zeitalter Afrikas kommen. Wir sind nicht vorbereitet auf diese Welt. Und natürlich sind wir herausgefordert, dass unser Einfluss schwindet. Europa ist je länger je mehr nur noch Zaungast der Weltpolitik. Da positionieren sich Länder wie China, Russland und Indien äusserst clever: einmal als Partner, einmal als Mitbewerber und ab und zu kann man auch Gegner sein. Sie folgen dem Konzept des Konstellationsdesigns.

Können Sie dieses Konzept kurz umreissen?

Wir sind es gewohnt, mit Regeln zu spielen, zum Beispiel Schach. Ein faires Ringen, wo alle die gleiche Ausgangslage haben. Konstellationsdesign zielt darauf ab, die Regeln des Spiels zu verändern, und zwar so, dass man möglichst gut dasteht, egal, wie das eigentliche Spiel ausgeht. Es ist ein Denken in Opportunität und Chancen, ein Denken in unterschiedlichen Optionen und auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig.

Und wie sind Denke und Herangehensweise im Westen?

Wir im Westen versuchen immer alles zu ordnen und zu strukturieren, vergessen dabei, dass das Leben und die Weltpolitik auch vom Zufall und vom spielerischen Umgang mit der Zufälligkeit leben. Und genau hier setzen die Staaten rund um die Brics und SCO an und stellen die geopolitischen Weichen neu.

«Die Schweiz sollte auch mal pragmatisch mit einem langfristigen Ziel voranschreiten.» Remo Reginold

Wieso stellt man sich im Westen der Herausforderung nicht proaktiver?

Es geht uns einfach noch zu gut. Viele dieser Trends finden gefühlt weit weg statt, in China, Indien, im Pazifikraum. Alle reden von Globalisierung, aber wenn es um Geo- und Sicherheitspolitik geht, verdrängen wir die Probleme, die uns direkt betreffen.

Wo steht die Schweiz in dieser neuen Welt?

Wir müssen besser antizipieren, clever vorsorgen und mit diesen Multioptionalitäten spielen. Nicht verbissen an einem Plan, an einer Richtung, an einer Lösung festhalten, sondern auch mal pragmatisch mit einem langfristigen Ziel voranschreiten. Es ist eine proaktive Strategie, die konventionell und unkonventionell verbindet. So schaffen wir günstige Bedingungen für eine volatile Welt.

«Ein positives Beispiel ist der Bereich Weltraum. Da ist eine regelrechte Aufbruchstimmung entstanden.» Remo Reginold

Können Sie konkreter werden, anhand eines Beispiels?

Ein positives Beispiel ist der Bereich Weltraum. Da ist in den letzten Jahren eine regelrechte Aufbruchstimmung in der Schweiz entstanden. Wir positionieren uns gut als Forschungs- und Wirtschaftsstandort im Bereich New Space Economy. Was aber nicht passiert, ist, dass man das auch politisch und strategisch einsetzt. Wir trennen: Hier ist Forschung, Technologie und Wirtschaft, getrennt davon ist Aussenpolitik und Sicherheit. Wir verknüpfen die Themen nicht, weder politisch noch in der Wissenschaft. Wir bauen Zentren auf für Weltraumforschung, aber dass der Weltraum inzwischen hochpolitisch und in Zukunft umkämpft sein wird, das schaut niemand an.

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